Neu Regino, der Abt Prüm links

Musiktheorie

 

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Regino von Prüm,

Musiktheoretische Schriften

Pergament· 10. Jahrhundert

Brief über Harmonielehre

 

Regino von Prüm (842-915) wurde Mönch im dortigen Kloster in der Eifel, wo er nach dem Normanneneinfall im Jahr 892 das Amt des Abtes übernahm. Schon 899 wurde er von Richarius, einem Grafen von Hennegau, aus dem Amt verdrängt und ging nach Trier, um dort das Kloster St. Martin wieder aufzubauen. Seine bekannteste Schrift ist das historiographische Werk „Chronica“. Die vorliegende Handschrift beinhaltet seinen wichtigsten musiktheoretischen Traktat, gefolgt von einem Tonarium, einem Lehrbuch für die Choralpraxis: die Epistola der harmonica institutione mit den Octo toni de musicae artis. Er widmete die Schrift dem Erzbischof von Trier, Radbod, mit der Absicht, die Unordnung im Kirchengesang in der Diözese in Ordnung zu bringen:

Wenn in den Kirchen Ihrer Diözese der Chor die Psalmenmelodien wegen des nicht übereinstimmenden Modus im Stimmengewirr erklingen ließ und ich Euch deswegen oft mißgestimmt sah...

Dazu stellte er die Antiphonen und Responsorien nach ihren Tonarten zusammen und schuf so einen der ersten Tonare des Mittelalters. Um die Schrift zu erklären, fügte er in Form eines Briefes die oben zitierte musiktheoretische Abhandlung bei. Diese Epistola de harmonica institutione ist in vollständig nur in dieser Handschrift überliefert (es existiert noch eine Zusammenfassung aus dem 11. Jahrhundert). Anfang und Ende des Traktats sind von Regino selbst verfasste Texte, dazwischen kompiliert er Boethius, Martianus Capella, Macrobius, Cassiodorus und andere. Der für die Musikwissenschaft sehr wichtige Text legt großen Wert auf die Tonart als Stütze der Melodie. Er stellt u.a. die musica naturalis, die Sphärenharmonie und die Vokalmusik, die beide göttlichen Ursprungs sind, und die musica artificialis, die vom menschlichen Geist erdachte Musik, gegenüber. Vor allem kombiniert er traditionsgebundenes Wissen mit zeitgenössischer Praxis. Die Handschrift gelangte von einer Bibliothek in Maastricht durch Auktion an den Rektor J. L. Buenemann aus Minden, von dem sie die Stadt Leipzig kaufte. Angeblich haben, wie ein Gelehrter des 19. Jahrhunderts weiß nach und nach mehrere Personen davon Abschriften genommen, jedoch immer nur von der Epistel, weil das Uebrige wegen der sonderbaren Art von Noten nicht gut abgeschrieben werden konnte! Diese „sonderbaren Noten“, heute als „Neumen“ gut erforscht, sind auf Blatt 3 oberhalb des Textes zu sehen: sie geben dem Sänger den Bewegungsverlauf einer Melodie an, in diesem Fall für ein Antiphon (De sancta Maria, zu Nativitas Mariae), einem zu bestimmten Messteilen einleitendem Rahmenvers.

Die Psalmen, abgeleitet von dem griechischen Wort Psalmoi

– Gesänge mit Saitenspiel, werden David zugeschrieben, weswegen er oft in Psalterien mit Musikinstrumenten und ihn begleitenden Musikanten dargestellt wird.

Auf der linken Seite ist der gekrönte König David dargestellt, thronend innerhalb eines Bogens, der von einem Rahmen umschlossen ist. Der obere Zwischenraum ist ausgefüllt mit einer stilisierten Stadtarchitektur mit Mauern, Türmen, Häusern und zwei Holztoren, deren Flügel in Form eines romanischen Ornaments mit Eisen beschlagen sind. In der rechten Hand hält David eine Rebec mit einem tropfenförmigen Schallkörper, der im Gegensatz zur Fidel keinen abgesetzten Hals besitzt. Drei Saiten sind an einer Aufhängevorrichtung befestigt, die der unserer modernen Violine entspricht. Unterhalb von zwei runden Verzierungen befinden sich Schallöcher von länglicher Form.

In der nach Art eines Herrschers ausgestreckten Linken hält er einen leicht gekrümmten dünnen Stiel mit einem runden Knopf. Wahrscheinlich handelt es sich hier aufgrund der Analogie zu anderen Daviddarstellungen um eine Stimmgabel, nicht um ein Plektron, das Stäbchen, mit dem der Zitherspieler die Saiten anschlägt. Dies wäre plausibel, wenn David, wie es häufig vorkommt, eine Harfe in der Hand hielte. Das Blatt ist beschnitten, am oberen Rand ist noch lesbar David rex ecce regali comptus honore („Siehe König David geschmückt mit königlicher Ehre“).

Auf der rechten Seite begleiten ihn drei tanzende Musikanten, umgeben von einem der gegenüberliegenden Seite entsprechenden Rahmen. Der Erste von links spielt eine achtsaitige Leier, deren Resonanzkasten im Gegensatz zur Harfe zu den Saiten parallel verläuft. Der Zweite bläst ein gedrungenes, gekrümmtes Cornu, gefertigt aus einem Stierhorn oder für repräsentative Zwecke aus Elefantenstoßzähnen (Olifant). Der Dritte spielt ein Rebec wie König David. Bei den Begleitern könnte es sich um drei der vier bei Beda Venerabilis (De psalmorum libro exegesis, PL 93, Spalte 477-480) genannten Begleiter Davids handeln: Asaph, Eman, Ethan und Idithan.

Das Bildmotiv des von Musikern umgebenen thronenden Herrschers stammt aus dem Orient, wobei bei der Darstellung des idealen Typus des christlichen Herrschers das Bild der „Maiestas David regis“ der „Maiestas Domini“ entspricht.

Neben den Psalmentexten sind in der Handschrift u.a. Kalendarien und Abbildungen von dem Heiligen Vincentinus zu finden, die über die Herkunft der Handschrift Auskunft geben: sie stammt aus der Abtei St. Vincent Maldegaire, zugehörig zu den Domherren von Soignies im Hennegau, wahrscheinlich wurde sie im Skriptorium von Haumont geschrieben und weist anglo­fränkische Merkmale auf wie z.B. die oben erwähnte Rahmengliederung durch Scheiben und Quadrate. Auf welchem Wege sie in das Zisterzienserkloster Altzelle kam, ist ungewiss. Dessen Bibliotheksbestände kamen während der Säkularisation in den Besitz der Universitätsbibliothek Leipzig.


 

Stand: 14. März 2007