Neu Regino, der Abt Prüm links

Bedeutung

 

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Zukunftsvorstellungen im Mittelalter (Auszug – Zitat)

von Dieter Geuenich

 

* Antrittsvorlesung an der Universität - GH - Duisburg am 30. Mai 1989, mit Fußnoten gedruckt erschienen als Heft 4 der Veröffentlichungen des Fachbereichs 1: Philosophie- Religionswissenschaften - Gesellschaftswissenschaften der Universität - GH - Duisburg

Wenn wir Heutige uns mit den Gedanken der Menschen längst vergangener Zeiten, soweit sie uns schriftlich überliefert sind, beschäftigen, stellen wir oft erstaunliche Übereinstimmungen fest. Diese Beobachtung dürfte auch einer der Gründe dafür sein, daß geschichtliche Rückblicke zunehmend populärer werden und historische Ausstellungen große Menschenmengen anlocken. Für unser Thema - dies sei vorweg bemerkt - gilt dies jedoch nicht. Das mittelalterliche Denken über das Kommende hat mit den heutigen Vorstellungen von der Zukunft, mit unserer Fortschrittsgläubigkeit im Bereich der Technik, der Medizin, ja der menschlichen Erkenntnis überhaupt, nichts gemeinsam. Hinzu kommt, daß unsere Gegenwart nicht im geringsten den Zukunftsvorstellungen des Mittelalters entspricht. Dennoch erscheint es nicht überflüssig, sich mit den mittelalterlichen Vorstellungen von der Zukunft zu beschäftigen; es sei denn, wir wollten uns Heutige so wichtig nehmen, daß wir nur die Linien in der geschichtlichen Entwicklung verfolgen wollen, die geradlinig zu uns führen. Die Geschichtlichkeit des Menschen sollte jedoch umfassender betrachtet werden als ausschließlich aus der gegenwärtigen Sicht.

Ähnlich wie die Zukunftserwartung des Einzelnen war auch die Zukunftsvorstellung der mittelalterlichen Gesellschaft auf das nahende Ende ausgerichtet. Denn daß ebenso wie für den Einzelnen sein individueller Tod, so auch für die ganze Gesellschaft das Ende aller Zeiten unmittelbar bevorstand, darin stimmen die im einzelnen durchaus unterschiedlichen Geschichtsbilder überein, die in den Chroniken und Geschichtswerken des Regino von Prüm, Rodulfus Glaber, Frutolf von Michelsberg, Hugo von St. Victor, Otto von Freising und vieler anderer bis hin zur apokalyptischen Geschichtstheologie des Joachim von Fiore verkündet wurden.

Gegen eine solche Sicht war aber schon Augustinus angegangen, indem er in seiner Schrift von der Civitas dei betonte, daß ein Untergang Roms nicht das Ende der Welt bedeuten könne. Entsprechend wurde die Prophezeiung Daniels dahingehend umgedeutet, daß Christus mit seiner Menschwerdung bereits das römische Reich verdrängt und seine Herrschaft durch die Kirche angetreten habe. Solche auf die Autorität des Augustinus gestützten Vorstellungen, wie wir sie etwa in der Karolingerzeit bei Regino von Prüm finden, relativierten die Bedeutung des Römerreiches und betonten zugleich die Eigenständigkeit der mittelalterlichen Gegenwart. Augustinus war es auch, der allen Versuchen, die Zeit bis zur Wiederkehr Christi durch Bibelexegese zu berechnen, entgegengetreten war: Der Mensch solle nach Gottes Ratschluß gar nicht wissen, wie lange das letzte Zeitalter dauern werde. Er müsse vielmehr seine ihm bemessene Lebenszeit so nutzen, als stünden Weltende und Jüngstes Gericht unmittelbar bevor.


Der Aufsatz ist vollständig im Internet unter: Memoria in der Gesellschaft des Mittelalters zu finden auf der Homepage von Dieter Geuenich

 


Stand: 14. März 2007